Mina — ein Leben für die Freiheit 

Freeset in Business for Freedom women community

Mina ist der Boss. Dieser Scherz ist wohl bekannt in der Näherei von Freeset und wie die meisten Scherze enthält auch dieser einen Funken Wahrheit. Mina war von Anfang an hier; als echte Vorreiterin gibt sie den Frauen bei Freeset eine kraftvolle und vitale Stimme. Sie hat sie ins Herz geschlossen; sie versteht sie gut. Denn ihre eigene Geschichte ist auch die dieser Frauen. Mina weiß, was der Verlust von Familie, Heimat und Unschuld bedeutet. Sie kennt das Trauma, das das Leben in einem Rotlichtviertel mit sich bringt. “Ich verbringe schlaflose Nächte”, sagt sie, “weil ich die Geschichten von anderen Frauen höre und ich mich an meine eigene erinnere und ich verstehe, wie schwer sie es gerade haben.”

Sie ist eine kleine Frau gehüllt in einen einfachen Baumwoll-Sari mit langem schwarzen Haar, das über die Mitte ihres Rückens fällt. Sie lächelt nur selten, wenn sie spricht, als ob sie ihre wahren Gefühle nur für diejenigen reserviert, die sie wirklich brauchen. Ihre Leidenschaft für die Arbeit von Freeset kommt aus ihrer eigenen, schmerzvollen Erfahrung und ist durch ihren Traum motiviert, die komplette Verwandlung der lokalen Rotlichtbezirke von Sonagacchi/Kolkata zu erreichen.

Mina wurde inmitten des Bangladesch-Konflikts geboren, in einem Land, das zu dieser Zeit als Ostpakistan bekannt war. Sie war noch jung, als ihre Familie 1972 in ein Flüchtlingslager im benachbarten Indien verlegt wurde. Das Lager war überfüllt und unhygienisch, ein Ort, über dem bittere Armut wie eine dunkle Wolke hing. Im Lager freundete sich Mina mit einem älteren Mädchen an, nennen wir sie Sia. Mina vertraute Sia und eines Tages, nachdem sie mit ihrer Schwester gestritten hatte, lief sie trostsuchend zu Sia. “Sie hat mir zu essen gegeben”, sagt Mina, “sie hat sich um mich gekümmert und ich hatte echtes Vertrauen in sie.” Mina wusste, dass Sia regelmäßig nach Kolkata reiste, und an diesem Tag der Auseinandersetzung bot Sia an, Mina dorthin mitzunehmen. Mina verstand die Einladung nicht und fragte: “Warum Kolkata?” Sia antwortete: “Wenn Du dort Arbeit finden möchtest, könnte ich Dir helfen.” “Welche Art von Arbeit, das fragte ich, und sie antwortete, ‘Dort ist ein guter Mann und er wird für Dich eine gute Arbeit finden.’ Also ging ich mit ihr an diesem Tag. Ich war erst 13 Jahre alt. ”

Mina war noch nie in einer Stadt gewesen, hatte Kolkata nie gesehen, und als die von Hand gezogene Rikscha sie mit Sia in Sonagachi absetzte, hatte sie keine Ahnung, dass sie gerade im historischen Rotlichtviertel der Stadt Kolkata angekommen war.

“[Sia] brachte mich eine Treppe hinauf, und da begann ich, mich zu fürchten”, erinnert sich Mina. Oben auf der Treppe traf sie eine Frau, die Chefin des Bordells. “Die Frau fragte zu Sia: “Warum hast Du mir so ein junges Mädchen gebracht?“ Sia erwiderte, sie könne Mina nicht zurückbringen, weil ihre Eltern es der Polizei erzählen würden.“

Also blieb Mina im Bordell. Nach etwa zehn Tagen war Mina immer noch ahnungslos von den Aktivitäten, die um sie herum stattfanden, obwohl sie bemerkte, wie sehr die Frauen geschminkt waren und wie viel Geld durch ihre Hände ging. Eines Tages gab die Frau Mina Paan Leaf zu essen, eine verbreitete Freizeitdroge, die euphorisch macht. Mina hat die Szene auch heute noch deutlich vor Augen: “Die Frau brachte mich in ein Zimmer, in dem vier Frauen und zwei Männer waren, die Männer tranken und machten mit ihnen herum.” Immer noch ahnungslos von dem, was ihr bevorstand, sah Mina, wie einer der Männer die Chefin rief, und nach einem kurzen Gespräch wurde Mina in ein Nebenzimmer gebracht und mit dem Kunden allein gelassen.  “Er mir einen Drink und fragte: ´Willst du Limonade trinken?´ Ich war ein Mädchen aus dem Dorf und hatte so was noch nie getrunken. Also hat er etwas Alkohol mit der Limo und auch einer Tablette vermischt.“ Mina trank und ihr wurde schwindelig, der Mann packte sie und sie kämpfte mit Leibeskräften. „Er hat mich zweimal hart ins Gesicht geschlagen. Ich versuchte das Zimmer zu verlassen, aber er hatte die Tür verriegelt und ich kam nicht so hoch. Ich war klein. Erst 13. Und so bin ich im Sex-Handel gelandet.“

Einige Teile von Minas Vergangenheit sind verschwommen, Zeitrahmen sind unklar und ihre Erinnerungen daran schwach. Sie trank viel und hoffte manchmal, dass sie niemals aufwachen würde. In den nächsten Jahren wurde Mina in drei verschiedene Bordelle gebracht. “Manchmal hörte die Polizei, dass es hier minderjährige Mädchen gab. Dann wurde ich unter einem Bett hinter Gegenständen versteckt und die Polizei stocherte mit Stöcken herum und versuchte, mich zu finden.“

Mina ist sich nicht sicher, wie lange sie auf dem Straßenstrich arbeiten musste, aber sie schreibt ihre Rettung der Heirat mit Bapi, „einem guten Mann,” zu. Bapis Familie akzeptierte sie jedoch nie; schmerzhafte Realität für viele Frauen, die der Prostitution entkommen sind, ist das verbleibende Stigma. Mina erzählt: „Mein Mann und ich hatten lange Gespräche, wir machen uns Sorgen um die Mädchen, die noch im Sex-Handel gefangen waren und fragten uns: wer bringt sie her, wer verkauft sie? Mein Mann war ziemlich politisch und eine Art Aktivist.“ Das Paar lebte weiterhin in dem Viertel und verdiente seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von gebrauchter Kleidung und dem Flechten von Körben, fest entschlossen, nicht den Strich zum Überleben zu brauchen.

Eines Tages geriet Mina mit einer Frau in einen heftigen Streit, weil diese Frau ihre jüngere Schwester auf den Strich geschickt hatte. “Ich gab ihr Geld, um meine Schwester wieder nach Hause zu schicken, weil ich nicht wollte, dass diesem jungen Mädchen das gleiche Schicksal wie ihr bevorstand.”

Mina konnte diese jungen Opfer nicht ignorieren und suchte nach Möglichkeiten, um ihr Leben positiv beeinflussen zu können. Sie beteiligte sich an einer HIV-Aufklärungsinitiative, besuchte Bordelle und klärte über sicheren Sex auf. Die Gruppe war klein und die Ressourcen begrenzt, und manchmal war Mina frustriert, nicht mehr bewirken zu können. „Mein Mann hat in dieser Zeit versucht, mich zu ermutigen. Eine Sache, die er oft sagen würde, war: “Eines Tages wird unser Einsatz für die Frauen Früchte tragen“.

Die Neuseeländer Kerry und Annie Hilton zogen 1999 in die Nachbarschaft von Mina und es dauerte nicht lange, bis sich ihre Wege kreuzten. “Eines Tages traf ich mich mit Kerry und sprach über die Möglichkeiten, was wir in dieser Gegend tun könnten”, erzählt Mina. Nach einigen Gesprächen fragten die Hiltons Mina, ob sie nicht zusammenzuarbeiten könnten. Sie war skeptisch. Sie hatte schon andere Ausländer gesehen, die Hilfe versprochen hatten und die sie dann nie wiedersah. „Ich sagte, warum sollte ich Euch vertrauen? Ich habe anderen vertraut, die sind gekommen und gegangen.“

Aber es war ein Samenkorn gelegt, die Gespräche gingen weiter und bald darauf lernten Mina und eine Gruppe von 19 anderen Frauen zu nähen. Freeset wurde geboren.

Heute ist es Minas Aufgabe bei Freeset, auf der Straße unterwegs zu sein, in Bordellzimmern zu sitzen, mit Frauen ins Gespräch zu kommen und ihnen auf ihrem Weg in die Freiheit zu helfen. Bapi starb 2009 und Mina entschied sich dafür, zusammen mit fünf anderen Frauen, die ebenfalls für Freeset arbeiten, in ein „Line Bari“ (Bordell) zu ziehen. Für ihre Mitbewohnerinnen, die immer noch im Sex-Handel arbeiten, sind die Freeset-Mitarbeiterinnen ein tägliches Zeichen: „Wir sehen Euch, wir wissen, dass Euer Leben nicht einfach ist, wir verlassen Euch nicht.“

Eine Perspektive für Frauen in West-Bengalen

Mina ist auch begeistert von Freesets Arbeit in Murshidabad, einer verarmten Region, etwa 200 km nördlich von Kolkata. Da ist die Näherei in Dak Bangla, wo Frauen beschäftigt werden, die von Sonagachi nach Hause zurückgekehrt sind. In Sherpur bietet eine Weberei jungen gefährdeten Mädchen eine Alternative zur Prostitution an; und in Dhuliyan wird ebenfalls eine Näherei in unmittelbarer Nachbarschaft des überfüllten Rotlichtviertels aufgebaut.

„Mein Traum für Murshidabad ist es, dass keine Mädchen von dort Opfer von Menschenhandel werden… ausgetrickst und verkauft werden wie ich ist schrecklich. Ich weiß, wie sich das anfühlt, wie eine Ware gehandelt zu werden. Das Trauma, das ich durchgemacht habe, treibt mich an, um sicherzustellen, dass dies keinem anderen Mädchen mehr angetan wird.“

Sie baut auch Beziehungen zu den nepalesischen Frauen auf, die über die durchlässigen Grenzen Nepals nach Sonagachi geschleust wurden. Dies ist das Projekt „Kolkata nach Kathmandu“, durch das mehrere Frauen in ihre Heimat zurückgeführt werden konnten. Mina wird sich noch nicht ausruhen. “Ich hoffe, dass wir irgendwann in Bangladesch etwas aufbauen werden, damit Mädchen nicht von dort nach Indien verschleppt werden.“

Bei der 17. Geburtstagsparty von Freeset nahm ein junger männlicher Angestellter Mina schwungvoll in seine Arme und trug sie in den Vorderraum. Dort waren Hunderte, die sich auf der Feier versammelt hatten, und umjubelten und beklatschten sie und sahen zu, wie die kleine Frau etwas ungewollt herumgewirbelt wurde.

Der Hauch eines Lächelns lag auf ihren Lippen, aber als die Musik zu Ende ging, gab sie dem jungen Mann einen mächtigen Schlag auf seinen Arm.

Das ist Mina. Sie ist nicht zum Spaß bei Freeset. Sie sieht es als eine sehr ernsthafte Lebensaufgabe, den Menschen Liebe zu zeigen, die bisher von anderen nur missbraucht wurden. Mina hat das Ziel, dass noch viele tausend Frauen den Sex-Handel verlassen können, und sie hat das letzte Wort: „Um viele weitere Mädchen bei Freeset aufnehmen zu können, muss unser Unternehmen gut wachsen können. Wenn Freeset wächst, können wir noch vielen die Freiheit bieten. Denn darum geht es wirklich bei Freeset: Um Freiheit.“

Mina, die Künstlerin

Mina liebt das Malen und jetzt gibt es eine Auswahl ihrer Kunstwerke online zum Kauf unter  www.paintingforfreedom.co.uk. Sie 30 ausgewählten Werke erzählen — ergänzt von Minas eigenen Kommentaren — ihren Weg in die Freiheit. Die Einnahmen des Buchverkaufs kommen dem Freeset Gateway Project zu Gute.

Dieser Artikel steht unter Copyright von Freeset Global und darf ohne Genehmigung weder als Ganzes noch in Auszügen vervielfältigt oder anderweitig veröffentlicht werden. Die englische Original-Version dieser “Impact Story” von Sophie Bond ist hier im Freeset Blog zu finden.

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